Am Fenster stand Papa
Der Offizier empfing mich ungewöhnlich freundlich und gab mir sogar die Hand. »Ich habe gute Nachricht aus Frankfurt. Ihre Angaben wurden mir bestätigt.«
Ich atmete erleichtert auf. »Es besteht also kein Verdacht mehr, daß ich Spion bin?«
Er klopfte mir auf die Schulter: »Nein, kein Verdacht mehr.«
Wir nahmen auf einem Sofa Platz, und der Offizier fuhr fort: »Sagen Sie mir eines noch: Warum sind Sie staatenlos?« »Das ist schwer zu erklären.« »Erklären Sie's mir.«
Jetzt war ich an der Reihe. Tief atmete ich ein - es war, wie wenn man die Sehne eines Bogens mit aller Kraft zurückzieht und dann losläßt.
»Ich bin Jude.«
Der Amerikaner stand auf, ging einige Schritte zum Schreibtisch, kam wieder zurück, blieb vor mir stehen und starrte mich an, ohne etwas zu sagen.
»Glauben Sie mir vielleicht nicht? Ich bin wirklich Jude.«
»Ich glaube Ihnen.«
»Wir lebten versteckt in Frankfurt, nein illegal, nein, auch das nicht. - Ach, das ist schwer zu erklären.«
Der amerikanische Offizier faßte mich am Arm, drückte und schüttelte mich: »Was wollen Sie erklären? Mir erklären! Mann! Ist das zu fassen! Sie sind durchgekommen? Der Himmel hat Sie bewahrt.«
»Ja, mich und meine Familie.«
»Ich bin auch Jude.« Sein Englisch brach ab und er sprach in einem deutsch-jiddischen Kauderwelsch weiter: »Mein Vater und meine Mutter kommen aus der Gegend von Lodz. Sie sind 1921 in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Ich bin auf dem Schiff zur Welt gekommen. Wir leben in Boston.« Er setzte sich neben mich und faßte mich noch einmal am Arm: »Aber wie haben Sie es geschafft? Wie sind Sie durchgekommen?«
»Wie? Das frage ich mich oft selbst.«
»Das müssen Sie mir erzählen. - Sind Sie fromm?«
»Nein.«
»Dann ist's gut. Heute ist Schabbes.« Er hielt mir eine Zigarettenschachtel hin, gab mir Feuer und steckte sich selbst auch eine Zigarette an.
»Trinken Sie?«
»Ja, gern.«
Er ging nach draußen und kam mit einer Flasche Whisky und zwei Gläsern zurück. Er schenkte ein und prostete mir zu. »Le Chajm (: (hebräisch) Auf das Leben! (Trinkspruch))!«
Eine deutsche Bedienstete brachte etwas später Kaffee und Gebäck.
Dann erzählte ich ihm die Geschichte der Familie Senger, unvollständig und stockend, und allmählich löste sich Schicht um Schicht.
Als ich geendigt hatte, schwieg der Amerikaner. Nach einer Weile fragte er: »Kann ich irgend etwas für Sie tun?« »Ich möchte zu meiner Familie nach Frankfurt zurück. Können Sie mir einen Passierschein ausstellen, daß ich auch durchkomme?«
»Und sonst nichts?«
»Sonst nichts. Ich will nur nach Hause.«
Einen Tag später verließ ich das Jagdhaus, dessen Gesellschaft, die drei Offiziersfrauen und den Möbelfabrikantensohn, ich schon lange nicht mehr ertragen konnte, nahm Abschied von dem schlitzohrigen Justus Mohl und seiner Frau, deren armseliges Leben mich tief schmerzte und die mir für wenige Wochen eine gute Mutter gewesen war, verließ Heimarshausen und die kranke Gerdi mit dem Pferdegebiß, bei der es einmal nicht geklappt und einmal doch geklappt hatte und die mich in einer einzigen Stunde die ganze Misere der Jagdhausgesellschaft vergessen ließ.
In der Tasche hatte ich einen Passierschein, der mir bis Frankfurt freies Geleit sicherte. Das war Ende April 1945.
Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulationsunterzeichnung, kam ich in Frankfurt an. In der Nähe des zerstörten Eisernen Stegs erreichte ich den Main. Alle Mainbrücken, die Frankfurt mit Sachsenhausen verbanden, waren von den deutschen Truppen bei ihrem Rückzug gesprengt worden.
Mit einem Fischerkahn, der als Notfähre diente, setzte ich über. Auf der anderen Mainseite sah ich bereits den zerbombten Römer und den stark beschädigten Kaiserdom. Mitten im Fluß geriet der Kahn ins Schwanken, weil zwei Männer, die mit ihren Fahrrädern in der Mitte standen, aus dem Gleichgewicht gekommen waren. Ein Fahrrad fiel gegen meine Knie und drückte mich fast über Bord. Nur das geschickte Manöver des Fährmanns verhinderte, daß ich hinunterkippte. Mein linker Arm war schon eingetaucht.
Mit einem nassen Jackett und mit klopfendem Herzen lief ich durch das Ruinenfeld und über Berge von Schutt, vorbei an der zerstörten Hauptwache, in Richtung Opernplatz. Noch die letzten Häuser der Altstadt lagen in Trümmern oder waren ausgebrannt, auch große Teile der Innenstadt gab es nicht mehr.
Je mehr ich mich der Kaiserhofstraße näherte, desto zittriger wurde ich in den Knien. Ich ging langsamer. Da war der Milch-Kleinböhl, dann kam der Obst-Weinschrod, und da war schon die Ecke vom Käs-Petri. Ich schaute die Straße hoch, suchte das Haus Nummer 12, wo die Gaslaterne davorstand. Gott sei Dank, die Gaslaterne war noch da, und das Haus stand auch noch. Ob Papa und Paula wohl zu Hause waren? Papa bestimmt. Ich stellte mir vor, er würde, wenn ich in den Hinterhof käme, am Fenster stehen und auf die Einfahrt zum Hof hinunterstarren, weil er ja auf Alex und mich wartete.
Ich bog in das Tor ein, ging durch den dunklen Gang und schaute hoch. Da stand Papa hinter dem Fenster und blickte nach unten, genau auf das Tor zum Vorderhaus, wo ich herkam. Es war mir, als habe er so Wochen und Monate gestanden, Tag und Nacht, und habe auf mich und auf Alex gewartet.
Peter Härtling